Donnerstag, 21. Februar 2019

Museen und soziale Nachhaltigkeit



Nachhaltige Entwicklung im Sinne einer zukunftsorientierten Transformation muss auch sozialverträglich gestaltet werden. (Dazu kannst Du auch hier meine Gedanken verfolgen)

Die Zukunft sozial verträglich gestalten

Aus einer solchen Orientierung an der solidarischen Grundordnung lassen sich vier Schlüsselelemente sozialer Nachhaltigkeit ableiten (Empacher/Wehling 2002):
  • Grundbedürfnisse,
  • Sozialressourcen,
  • Chancengleichheit,
  • Partizipation.
Wie können diese Grundprinzipien im Museumssektor umgesetzt werden?

Die Rolle von Museen in der Gesellschaft

Über strategische Schwerpunktsetzungen definieren sie die Rolle, die sie in der Gesellschaft spielen möchten. In jedem Fall ist die Funktion als soziale Räume bedeutsam und sie sind „an important bulwark against the erosion of the public realm.” (Thompson 2011). Wenn in diesem sozialen Raum das Ausstellen mit Blick auf die demokratische Gesellschaft, "in der das Museum tätig ist und in die es hineinwirkt" (Baier-de Haan 2006) geschieht, werden Museen zu einem Ort der Demokratiebildung.
So können Museen als Foren für zivilgesellschaftlichen Dialog verstanden werden, in denen die Fragen der Gegenwart und die Herausforderungen der Zukunft verhandelt werden.
 

Museen als Pioniere für gesellschaftlichen Wandel

In diesem Sinne können Museen als Orte verstanden werden, an denen progressive soziale und gesellschaftliche Werte verhandelt werden; als Forum in dem Besucher partizipativ und konstruktiv selbst die Bedeutungen entdecken (Dodd 2015).
Auf individueller Eben können sie auch einen gesellschaftlichen Wandel unterstützen, in dem sie einen Beitrag leisten zu Glück und Wohlergehen (vgl. http://happymuseumproject.org).
Doch welche Rolle werden Museumsbesuche in einer Low-consumption future spielen, in der nicht die Konsum- sondern eine Erlebnisgesellschaft vorherrschend ist?

Die soziale Dimension der kuratorischen und pädagogischen Praxis

Die soziale Nachhaltigkeit der kuratorischen Praxis auch hängt davon ab, inwiefern das Museum zum Ermöglicher wird, statt zur Autorität.
Die soziale Dimension des Sammelns gewinnt gerade in den letzten Jahren vermehrt Aufmerksamkeit (Savoy 2018). Über die Provenienzforschung und die Diskussionen über die Rückgabe von Kulturgut hinaus, fokussieren sozial nachhaltige Museen zukünftig stärker auf eine „ethics of guardianship, the abstinence of collecting in favor of protection in situ” (Meijer-van Mensch 2016).

Zielgruppen im „offenen Museum“

Nicht erst seit dem „Offenen Museum“ (Dreyer/Wiese 2010) wird im Hinblick auf die Zielgruppenorientierung die Öffnung von Museen propagiert. Ein sozial nachhaltiger Ansatz fokussiert auf eine Integration von und Öffnung für spezifischen Zielgruppen: Bildungsferne, Kinder, Best Ager.
Insbesondere durch Partnerprogramme mit anderen Institutionen können „Underserved Audiences“ (Janes 2005) erreicht werden. Dadurch können dem Anspruch gerecht werden, dass „museums should serve a social purpose by building new kinds of relationships with their publics“ (ebd.).
Durch die eine Integration von sozial und gesellschaftlich wichtigen sowie kontroversen Themen wie Trunkenheit am Steuer, jugendliches Rauchen, Drogenmissbrauch oder Gewalt in der Familie kann die gesellschaftliche Wirkung weiter gesteigert werden.
  

Die Verbindung von Museen und Städten

Die Bedeutung von Museen für Städte und Regionen, wird bereits seit langem herausgestellt: „museums should serve a social purpose by building new kinds of relationships with their publics“ (Janes 2005). Doch welche Chancen ergeben sich dabei für Beiträge zu einer nachhaltigen Entwicklung?
Outreach-Aktivitäten wie Programme, Events und Ausstellungen außerhalb der Institution und in Zusammenarbeit mit der städtischen Gemeinschaft sind gängige Instrumente um die Verbindung von Museen und Städten zu stärken. Ein echter Mehrwert für die Nachhaltigkeitsentwicklung der Region kann entstehen, wenn diese Aktivitäten in Lokale Agenda 21-Prozesse integriert werden. Im Idealfall können Museen so als ein zentraler Akteur einer lokalen Nachhaltigkeitsbewegung fungieren.

Museen als Arbeitsplatz

Zu den sozialen Aspekten der Nachhaltigkeit gehört auch der verantwortungsvolle Umgang mit dem Personal. Wie stellt sich die Arbeitssituation der Mitarbeiter in Museen dar?
Festzustellen ist, dass es derzeit zu viele befristete oder Teilzeitangestellte gibt, so das Ergebnis einer Studie des LWL-Museumsamt aus dem Jahre 2012. Insbesondere durch Projektverträge und das Volontariatsmodell geht häufig der Institution wertvolles Wissen verloren. Ein professionalisiertes Wissensmanagement könnte hier neue Ressourcen erschließen. Die Gestaltung des Arbeitsplatzes, bspw. im Sinne einer Gleichberechtigung, gehört ebenfalls zum verantwortungsvollen Umgang mit den Mitarbeitern.

Die soziale Dimension von Museumgebäuden

Ein nachhaltiges Gebäude besitzt eben auch eine soziale Dimension - so viel ist klar. Doch genau worin könnte diese liegen?
Greiff (2012) führt dazu aus: “Das Ziel der Nachhaltigkeit beim Bauen ist dann erfüllt, wenn Gebäude über ihre gesamte Lebensdauer für möglichst viele Menschen von Nutzen sind, ihren sozialen Zusammenhalt fördern, sie kulturell bereichern und die sich daraus ergebenden Belastungen für die Umwelt die Lebensgrundlage künftiger Generationen nicht schmälern.“
Offensichtliche Beispiele hierfür sind eine gute Zugänglichkeit auch für mobilitätseingeschränkte Nutzer oder die gleichberechtigte Berücksichtigung von allen Nutzer*innen. Voraussetzungsvollere Anforderungen an sozial nachhaltige Museumgebäude sind beispielsweise, dass soweit als möglich und sinnvoll die späteren Nutzer beteiligt und einbezogen werden oder dass das Zusammenleben von Nutzern und Anwohnern und die Kommunikation untereinander gefördert werden (Greiff 2012).

Nachhaltigkeit betrifft nicht nur ökologische Aspekte

Die Anwendung von dem Prinzip Nachhaltigkeit im Museumssektor geht weit über ökologische Aspekte und die Einsparung von Ressourcen (siehe dazu mein Blogbeitrag) hinaus. Gerade der Fokus auf die soziale Dimension bietet die Chance für zahlreiche Verbesserungen der Praxis in Museen. Ein solches umfassendes Nachhaltigkeitsverständnis sollte stärker in der Debatte um Nachhaltigkeit im Museumssektor berücksichtigt werden.



Literatur

Beier-de Haan, R. (2006): Wie kann ein Museum Bildung für Nachhaltigkeit befördern? Herausforderungen und Perspektiven in Deutschland. http://www.icom-deutschland.de/client/media/15/nachhaltigkeit_vortrag_rosmarie_beierde_haan.pdf


Dreyer, M. / Wiese, R. (2010): Das offene Museum. Rolle und Chancen von Museen in der Bürgergesellschaft. https://www.fbkultur.uni-hamburg.de/vk/forschung/publikationen/vokus/vokus201001/media/kuehn-thaut-dasoffenemuseum-vokus2010.pdf

Empacher, C. / Wehling, P. (2002): Soziale Dimensionen der Nachhaltigkeit. Theoretische Grundlagen und Indikatoren.

Greiff, R. (2012): Soziale Indikatoren des nachhaltigen Bauens. https://www.iwu.de/fileadmin/user_upload/dateien/nachh_bauen/Soz_Ind_nachh_Bau_IWU_120612.pdf

Janes, R. / Conaty, G. (Hrsg.) (2005): Looking Reality in the Eye. Museums and social responsibility.

Meijer-van Mensch, L. (2016): Museums, Collections and Sustainability.

Savoy, B. (2018): Die Deutschen wissen, wie es sich anfühlt, wenn einem das Erbe genommen wird. http://www.spiegel.de/plus/kunsthistorikerin-benedicte-savoy-das-goldene-das-dunkle-a-00000000-0002-0001-0000-000158383303

Thompson, S. et al. (2011): The Happy Museum. A tale of how it could turn out all right. http://www.happymuseumproject.org/wp-content/uploads/2011/03/The_Happy_Museum_report_web.pdf

Montag, 21. Januar 2019

Für ECSITE ist Nachhaltigkeit noch immer ein blinder Fleck


Die Jahreskonferenz von ECSITE, dem European Network of Science Centres and Museums, wurde 2016 erstmals nach nachhaltigen Standards organisiert, um den CO2-Fußabdruck der Veranstaltung zu reduzieren. Dieser Fokus auf die technisch-materielle Seite der Nachhaltigkeit ist sinnbildlich für das bisherige (fehlende) Engagement von ECSITE in diesem Themenbereich.

Zunächst ein Blick zurück: Als Michiel Buchel 2015 zum Präsidenten von ECSITE gewählt wurde, gab er Nachhaltigkeit als ein zentrales Leitmotiv für ECSITE aus. Gut, die UN-Dekade zur Bildung für nachhaltige Entwicklung war bereits zu Ende gegangen – aber besser spät als nie, könnte man meinen.


Ankündigung ohne Folgen
Weit gefehlt – nach der Ankündigung, unter anderem in der Zeitschrift Spokes, passierte leider nicht viel. Auch eine direkte Nachfrage bei Michiel Buchel, welche konkreten Aktionen von ECSITE zum Thema Nachhaltigkeit geplant waren, blieb leider unbeantwortet.

Insbesondere die inhaltliche, wertorientierte Seite sowie die pädagogisch-didaktische Seite einer Nachhaltigen Entwicklung in Science Centern bleibt innerhalb der Szene in Europa weiterhin unterbeleuchtet - und innerhalb von ECSITE ein blinder Fleck. Welche Hürden der Anwendung von Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) in Science Centern im Weg stehen, habe ich in einem anderen Blogpost bereits aufgezeigt.

Nachhaltigkeit ist für ECSITE ein blinder Fleck


Eine Frage der Haltung. Welche Werte vertreten Museen und Science Center?
Im Gegensatz dazu, stand die Jahrestagung 2018 des Deutschen Museumsbundes (DMB) unter dem Thema „Eine Frage der Haltung. Welche Werte vertreten Museen?“. Die Organisatoren der Tagung haben erkannt, dass Museen und Science Center als zentrale Institutionen in einer Participatory ScientificSociety (PSS) nicht nicht wertorientiert arbeiten können.


ECSITE als Knowledge Broker?
Diese unausweichliche Wertorientiertheit gilt es auf die Grundlagen einer Nachhaltigen Entwicklung, so wie sie auch in der MechelenDeklaration formuliert wurden zu beziehen. Science Center und Wissenschaftsmuseen vergeben ansonsten die Chance, ihre Rolle als zentrale gesellschaftliche Akteure verantwortungsbewusst auszufüllen – und ECSITE verspielt hier die Chance als der Knowledge Broker an der Schnittstelle von Wissenschaft und Gesellschaft an einer Transformation hin zu mehr Zukunftsfähigkeit mitzuarbeiten.


Dienstag, 11. September 2018

Leistungsfähige Museen – Starke Nachhaltigkeit


Der Begriff der Nachhaltigkeit wird bereits seit vielen Jahren geradezu inflationär verwendet und ist mittlerweile in den allgemeinen Wortschatz eingegangen. Doch was bedeutet Nachhaltigkeit für Museen?



Der Kern der Nachhaltigkeit

Immer häufiger begegne ich dem Begriff in irreführenden Zusammenhängen – oder er wird aufgrund seiner Popularität als Modebegriff schlicht mit unpassenden Bedeutungen verwendet. Dass die Begriffe Nachhaltigkeit und Nachhaltige Entwicklung im öffentlichen Diskurs auch mit Bezug zu Ausstellungen unterschiedlich ausgelegt werden, ist gut dokumentiert (bspw. Otto 2010; Buchal 2016).



Was bedeutet Nachhaltigkeit für Museen?

Die wenigen Überblickswerke zum Thema Nachhaltigkeit in Ausstellungen und Museen, wie das Manual of museum planning von Barry Lord (Lord et al. 2012) ignorieren eine solche Begriffsbestimmung. Lord geht darin lediglich knapp auf die Frage der Dimensionen, bzw. das Säulenmodell der Nachhaltigkeit ein (Martin 2012). Auch die politischen Positionsbestimmungen wie die Mechelen Declaration beziehen sich nicht auf den vorhandenen Diskurs zur Bedeutung von Nachhaltigkeit.

Um genauer zu beleuchten, was Nachhaltigkeit für Museen bedeuten kann, müssen wir etwas tiefer in die Nachhaltigkeitstheorie einsteigen und diese auf den Anwendungsbereich von Museen, Ausstellungshäusern und Besucherzentren beziehen. Im Zentrum des Diskurses stehen dabei die Konzepte von starker und schwacher Nachhaltigkeit.





Starke versus schwache Nachhaltigkeit

Aus dem Anfang der 1990er Jahre popularisierten Begriff der Nachhaltigen Entwicklung sind durch unterschiedliche Auslegung die beiden Konzepte der starken und schwachen Nachhaltigkeit entstanden (Neumayer 2013).

Schwache Nachhaltigkeit basiert auf der Überzeugung, dass ökologische, ökonomische und soziale Ressourcen gleichberechtigt beurteilt werden und sich gegeneinander aufwiegen lassen. Wirtschaftliches Handeln und der Schutz der Lebensgrundlagen stehen dabei gleichrangig nebeneinander.

Starke Nachhaltigkeit erkennt dagegen an, dass natürliche Ressourcen vielfach nicht erneuerbar sind und in der Regel auch nicht durch Human- oder Sachkapital ersetzt werden können. Das bedeutet, es gibt Grenzen des Wachstums und einen Entwicklungskorridor für menschliche Entwicklung, indem ein Spielraum zur Umsetzung wirtschaftlicher und sozialer Ziele.





Quelle: Von Felix Müller - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=36374337



Ist für Museen eine schwache Nachhaltigkeit ausreichend?

Im Gegensatz zu produzierenden Industrien, dem Energiesektor oder dem Bereich des persönlichen Konsums, sind Museen in vergleichsweise geringem Maße an der globalen Umweltzerstörung beteiligt. Des Weiteren liegen die Aufgaben von Museen vor allem im sozio-kulturellen Bereich. Museen haben – so die landläufige Einschätzung – bis auf Detailbereiche und den Betrieb der Gebäude sowie den damit zusammenhängenden Energieverbrauch nur wenige Schnittstellen mit ökologischen Aspekten.

Vor diesem Hintergrund scheint es sinnvoll und angemessen das Konzept der schwachen Nachhaltigkeit auf den Museumssektor anzuwenden.



Leistungsfähigkeit durch starke Nachhaltigkeit

Was bei dieser Sichtweise übersehen wird ist, dass durch eine Fokussierung auf die ökologischen Aspekte erhebliche ökonomische Vorteile realisiert werden können. Beispielsweise können durch Energie- und Ressourceneinsparungen Science Center und interaktive Ausstellungshäuser massiv die Betriebskosten reduzieren. Das dies für Sammlungen und Depots von Museen erst recht zutrifft, dürfte aufgrund von Anforderungen im Hinblick auf die Klimatisierung offensichtlich sein. Mit einem durch Einsparungen realisierten größeren finanziellen Spielraum können auch die sozio-kulturellen Aufgaben des Museums besser ausgefüllt werden.



Kurz gesagt: Ökologische Nachhaltigkeit steigert die ökonomische Nachhaltigkeit und ermöglicht eine verbesserte Ausübung der Museumsaufgaben in allen Bereichen. Insofern erscheint es angebracht im Museumssektor das Konzept der starken Nachhaltigkeit anzuwenden und den ökologischen Aspekten bei der Einführung eines Nachhaltigkeitsmanagements in Museen (zunächst) den Vorrang einzuräumen.







Literatur

Buchal, Thomas (2016): Der umkämpfte Begriff Nachhaltigkeit. Deutungsmuster in der Medienöffentlichkeit: Tectum Wissenschaftsverlag (Politik begreifen. Schriften zu theoretischen und empirischen Problemen der Politikwissenschaft, v.22). Online verfügbar unter http://gbv.eblib.com/patron/FullRecord.aspx?p=4556769.


Lord, Barry; Lord, Gail Dexter; Martin, Lindsay (Hg.) (2012): Manual of museum planning. Sustainable space, facilities, and operations: Rowman Altamira.


Martin, Lindsay (2012): Dimensions of Sustainability. In: Barry Lord, Gail Dexter Lord und Lindsay Martin (Hg.): Manual of museum planning. Sustainable space, facilities, and operations: Rowman Altamira, S. 6–8.


Neumayer, Eric (2013): Weak versus strong sustainability. Exploring the limits of two opposing paradigms: Elgar.


Otto, Siegmar (2010): What means sustainability and sustainable development? In: Ökologisches Wirtschaften 25 (4), S. 35–38.